Mit Evolution führen

Mit Evolution führen
Menschen sind längst nicht so rational wie sie denken. Vor allem in Gruppen verhalten sie sich nach Mustern, die weit in die Evolutionsgeschichte zurückreichen – und die oft nicht zur modernen Arbeitswelt passen. Wer sie kennt, kann viel über sein Team und dessen innere Strukturen erfahren. Und lernen, besser zu führen.
Was wir im Job tun, ist nur die zweckmäßige Oberfläche für ein Verhalten, das sich in Jahrmillionen der Evolution entwickelt hat und das bis heute archaischen Gesetzen folgt –  und das vor allem in Stress- oder Bedrohungssituationen an die Oberfläche bricht. Viele der irrationalen Situationen, die in Unternehmen vorkommen, sind auf diese tief liegenden Muster zurückzuführen: etwa, wenn gute Ideen im Machtgezerrre zerrieben werden, wenn unsinnige Projekte wider besseren Rat durchgezogen werden oder wenn sich Konkurrenten selber schaden, nur um zu gewinnen.
Was in Büros passiert, unterscheidet sich aus verhaltensbiologischer Sicht kaum von den Handlungsmustern der Stämme, in denen unsere Vorfahren gelebt und sich entwickelt haben. Was heißt das für Führungskräfte?
1. Setzen Sie die Brille der Verhaltensforschung auf
Teams sind mehr als Menschen, die eine gemeinsame Aufgabe haben. Es sind soziale Gefüge, in der sich Menschen zueinander verhalten, in Zuneigung und Abneigung, Koalition und Konkurrenz stehen. Führungskräfte können aus der Beobachtung viele Informationen gewinnen, die ihnen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Tipp: Im Meeting darauf achten, wer wen anschaut, wie viel Raum jemand einnimmt, wer sich von wem abwendet.
2. Fragen Sie nach der Funktion
Die wichtigste Frage, die sich Verhaltensforscher stellen, ist die nach der Funktion von Verhalten. Wenn also jemand für oder gegen eine Idee ist, hat das neben der inhaltlichen Bedeutung noch eine zweite, die sich auf das soziale Gefüge bezieht. Tipp: Nicht nur danach fragen, was jemand sagt, sondern auch warum und was es ihm bringt.
3. Akzeptieren Sie Hierarchien
Auch wenn es politisch unkorrekt klingt: Menschen haben, wie alle sozialen Säugetiere, ein Hierarchiebedürfnis, Gruppen bilden automatisch Rangfolgen. Das kann nach Kompetenz geschehen, nach Stärke, nach sozialem Ansehen – irgendwie jedoch geschieht es immer. Das ist auch nötig, weil es permanente Auseinandersetzungen reduziert und Gruppen handlungsfähiger macht. Tipp: Für Rangfolgekämpfe typischem Imponiergehabe – z.B. Hinweise auf Leistungen und soziale Erfolge – in Maßen Raum geben.
4. Lassen Sie lausen!
Was dem Affen die gegenseitige Fellpflege ist, ist dem Menschen das Tratschen: Beides dient dem Unterhalt von Beziehungen, bei beidem kann das Fehlen zu Depressionen führen. Beziehungen sorgen für Vertrauen. Das wiederum erhöht die Bereitschaft zur Kooperation, weil man eher mit Gegenleistungen rechnen kann. Tipp: Gestatten und fördern Sie Privatgespräche vor dem Meeting, Begegnungen im Büro, gemeinsame Pausen und Rituale.
5. Lausen Sie!
Wer wem das Fell pflegt, ist bei Primatengruppen ein Anzeichen für sozialen Rang. Aber auch Ranghohe lausen Rangniedrigere – und zeigen ihnen damit Wertschätzung, womit sie wiederum ihr Ansehen in der Gruppe erhöhen. Auch Teams reagieren positiv, wenn der Chef Zugehörigkeit demonstriert. Tipp: Zeigen Sie Wertschätzung, indem Sie mit Ihren Mitarbeitern tratschen, sie beim Reden ansehen, sich zuwenden etc.
6. Belegen Sie Ihren Führungsanspruch
Autorität kommt nicht mit der Funktion, sondern wird von der Gruppe verliehen. Daher tun vor allem neue Chefs gut daran, zu zeigen, dass sie ihren Rang verdienen, zum Beispiel durch Nachweis ihrer Kompetenzen und sozialen Fähigkeiten. Sonst besteht die Gefahr, dass sich inoffizielle Hierarchien bilden. Tipp: Halten Sie sich in neuen Führungspositionen nicht vornehm zurück, aber verzichten Sie auf Machtdemonstrationen.
7. Vertrauen Sie Ihrer Natur
Tierisches Verhalten ist unter der kulturellen Decke immer anwesend und das ist auch okay so, weil es in der Regel gut funktioniert. Nur unter Stress und bei Bedrohung droht das Tierische überhand zu nehmen, was sich dann zum Beispiel in Aggressionen äußert. Tipp: Nicht unnötig gegen natürliche Bedürfnisse handeln. Es ist zwar möglich, auf Dauer aber mühsam und anfällig für „Rückfalle“.

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